Perfektionismus

Was ist perfekt? Was bedeutet Perfektionismus? Ist der perfekte Zustand vielleicht auch einfach immer an Umstände geknüpft, an Personen und zeitlich begrenzt? Kann der Zustand nur phasenweise aufrecht erhalten werden? Wirken sich negative Erfahrungen oder Erlebnisse negativ auf das Perfekt-Sein aus? Ist Perfektionismus nur ein Streben oder ein Mysterium?

Auf Arbeit bekam ich gefühlt ein Jahr lang als Feedback, dass ich nicht immer versuchen soll alles so perfekt zu machen. Mir wurde gesagt, dass ich frei nach dem Motto „80-20“ arbeiten soll. Bedeutet, dass ich meine Aufgaben zu 80% gut machen soll, denn für die letzten 20% benötigt man noch einmal soviel Zeit wie für die ersten 80%. Das Feedback ging auf meine Arbeitszeiten zurück. Selten arbeitete ich wirklich nur meine 8 Stunden am Tag. 1-2 Überstunden am Tag waren normal.

Mein eigener Anspruch war es aber nie, es „perfekt“ zu machen. Ich wollte es eben immer nur genau und sehr gut machen. Und ich mochte es einfach zu arbeiten. Bedeutet das, dass ich es perfekt machen wollte? Ist „perfekt“ ein synonym für „genau und sehr gut“? Das Feedback hat mich trotz allem angespornt – nicht meine Aufgaben nur zu 80% zu machen. Sondern meine aufgewendete Zeit für Aufgaben zu optimieren – mir zur Unterstützung super Praktikanten ins Boot zu holen, Tools zu organisieren und Automatismen aufzusetzen. Vielleicht war das auch genau die Intension meiner Chefs.

 

Perfektionismus als Mama?

Das Feedback hat mich nachhaltig geprägt. Während ich früher schon liebend gerne meine Ordnung hatte und alles organisiert wissen wollte (schließt Spontanität bei mir nicht aus – manche Pläne sind dazu da, umgeworfen zu werden, gerade wenn man Kinder hat), mussten gewisse Prozesse neu aufgesetzt werden. Wie sieht es mit dem „Perfekt-Sein“ im Mutteralltag aus?

Wenn es sowas wie „perfekt“ gibt, dann ist mein Sohn natürlich perfekt – aber ich würde es so wahrscheinlich nie sagen – ich würde sagen, dass er das süßeste Wesen ist, was ich je gesehen habe. Dass sein Vater und ich einen unglaublichen Job gemacht haben. Dass er nicht nur niedlich ist, sondern auch so viel lacht, dass es ansteckend ist. Dass er uns stolz macht und hoffentlich eine tolle Kindheit bei uns hat, etc.

Wenn es sowas wie „perfekt aussehen“ gibt, dann konnte ich mich noch nie zu dieser Bevölkerungsgruppe zählen, die so aussehen. Gerade die erste Zeit nach der Geburt musste alles funktional sein, ich war ungeschminkt, die Haare zusammengetüddelt, weite Klamotten und schlicht und  einfach nicht perfekt. Oder liegt „perfekt aussehen“ im Auge des Betrachters? Und ist damit wieder an Personen geknüpft?

Wenn es sowas wie „perfekte Planung, perfekte Organisation, perfekte Arbeit, etc.“ gibt, dann stammt diese Aussage nicht von einer Mutter. Als Mutter muss man immer mit dem Unerwarteten rechnen. Es ist 09:20 Uhr und man wollte los zum Kurs, mit Sicherheit muss der Krümel dann noch mal auf die Toilette, spuckt sich voll, hat Durst, hat keine Lust sich anzuziehen, oder oder oder – plant man nächstes Mal 5 Minuten mehr ein (?) – vielleicht. Bedeutet dies dann, dass ich meine Planung optimiert habe und sie damit perfekt ist?

Wenn es sowas wie „perfekt sein“ gibt, dann muss ich mich da ausnehmen. Als Frau und Mutter stoße ich an meine Grenzen. Gerade wenn es wieder ein paar schlaflose Nächte gab. Es nicht so rund läuft, wie man es sich wünscht. Die Cupcakes im Ofen angebrannt sind. Der Krümel bockig auf mich ist, weil ich mal wieder „nein“ gesagt habe. Der letzte Post nicht ohne Rechtschreibfehler online ging.
Ich selbst finde es nicht schlimm, dass ich mich selbst nicht als perfekt bezeichnen würde – ich hoffe, dass meine Verfehlungen mich menschlich und liebenswert machen, dann darf auch mal was schief gehen oder nicht 100% genau sein.

So könnte ich wahrscheinlich noch ewig weiter machen, aber meine Intension ist klar. Für mich ist „perfekt“ genauso wie zum Beispiel Schönheit abhängig vom Betrachter, vom Zustand und von zeitlichen Gegebenheiten. Dazu darf einfach jeder seine eigene ganz persönliche Meinung haben.

 

Was könnte für mich perfekt sein?

Ehrlich gesagt, finde ich, dass es viele andere Wörter in unserem Sprachschatz gibt, die ich wesentlich lieber nutze. Perfekt? Perfekt sind für mich gerade die kleine Augenblicke des Glücks, in denen ich erfüllt von Liebe bin. Das kann ein Moment sein, indem mein Sohn mich anlacht aus vollem Herzen. In dem meine Familie zusammen ist und es allen gut geht. In dem ich mich für etwas von ganzem Herzen begeistere. Das kann zum Beispiel ein Spaziergang im Herbst sein, wenn die Sonne scheint und ich im Laub rascheln kann. Eben die kleinen Dinge des Lebens, die es für mich lebenswert und liebenswert machen.

 

Was werde ich Little T einmal dazu sagen?

Dass er das Beste ist, was seinem Daddy und mir passieren konnte. Dass wir alles versucht haben, um die richtigen Entscheidungen zu treffen und ihm die besten Eltern zu sein, die er sich wünschen konnte. Dass er sich irgendwann seine eigene Meinung zu dem Wort „Perfekt“ bilden muss. Wenn er alt genug ist und ein Verständnis dafür entwickelt hat.

 

Zum Schluss möchte ich noch folgendes zu bedenken geben. Ist „perfekt“ immer gut?

Die liebe Dani von gluckeundso hat zur Blogparade aufgerufen, nachdem sie für den liebster Award nominiert wurde und dabei gefragt wurde, ob sie perfekt wäre. Wenn es sowas wie „perfekt“ gibt, dann war dies auf jeden Fall der perfekte Start für die Blogparade. Danke dafür.

 

7 thoughts on “Perfektionismus

  • 27. Januar 2016 um 17:43
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    Ein toller Beitrag und du hast recht, als Mutter würde man wohl nicht behaupten das es perfekt sein gibt, ein schöner Gedanke, dass es im Auge des Betrachters liegt und somit natürlich jedem erlaubt ist bestimmte Dinge so zu betiteln.
    Liebe Grüße ich teile es gleich noch bei FB
    Dani

    Antwort
    • 28. Januar 2016 um 13:00
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      Danke Dir :)

      Antwort
  • 28. Januar 2016 um 10:13
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    Ich finde, es gibt nicht langweiligeres als Perfektion. Perfekt bedeutet laut Duden: „1. frei von Mängeln, vollkommen; 2. endgültig abgemacht; nicht mehr änderbar“. Ich persönlich mag Dinge, die noch nicht abgeschlossen sind, die ich immer weiter modifizieren und verändern kann. Wenn etwas perfekt ist, dann ist es so, wie es ist, doch schon „fertig“, denn besser geht es nicht.

    Natürlich ist es sinnvoll, Dinge besonders gut machen zu wollen, auch mich nervt es, eine Arbeit abgeben zu müssen, obwohl ich sie nicht optimal finde. Aber „optimal“ ist eben auch an die Außenbedingungen geknüpft – laut Duden bedeutet dieser Begriff „(unter den gegebenen Voraussetzungen, im Hinblick auf ein zu erreichendes Ziel) bestmöglich; so günstig wie nur möglich“, und das scheint mir ein sinnvolleres Ziel zu sein als Perfektion.

    So gesehen: Ungeschminkt und im Schlabberlook, weil es neben dem Anziehen und zur Kita-Bringen der Tochter nebst Gezeter und Prostest nun mal nicht zu mehr gereicht hat, ist an manchen Morgenden einfach das Optimum – und das ist auch okay so.

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    • 28. Januar 2016 um 13:03
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      Sehr schön – wie viele unterschiedliche Gedanken zu diesem Thema aufkommen!

      Du hättest lieber einen Gastartikel schreiben sollen, als nur einen Kommentar. Gerade die letzte Ausführung finde ich höchst spannend im Hinblick darauf, was mich als Mutter noch erwarten wird! Und ich finde Ungeschminkt und Schlabberlook hat auch was für sich und ist nicht nur okay – sondern an manchen Tagen einfach optimal :).

      Antwort
  • 28. Januar 2016 um 15:18
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    Netter Beitrag. Perfekt sind wirklich oft die kleinen Dinge, die uns für einen Augenblick So glücklich machen. Das hast du gut auf den Punkt gebracht.

    Antwort
    • 29. Januar 2016 um 20:11
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      Absolut! Das Video ist der absolute Knaller und zieht so große Kreise. Wer hat es eigentlich noch nicht gesehen?

      Antwort

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